Pforzheim leuchtet

28. Mai 2015  
Gelistet unter: Design, News

Pforzheim_leuchtet_AufmacherIst es der Glanz der Edelmetalle, der die „Goldstadt“ strahlen lässt, oder der Heiligenschein der Kreativität, der über der deutschen Schmuckmetropole schwebt? Wir betrachten die bunte Szene aus Kunst und Kommerz aus dem Aspekt der designerischen Kompetenz, die heute wie vor vierzig Jahren unbestritten Spitze ist.

Wo ist denn hier der Schmuck zuhause?“, fragt sich der branchen­interessierte Besucher der sogenannten „Goldstadt“, an der Grenze von Baden und Württemberg gelegen. Das güldene Leuchten ist nicht offensichtlich, doch wer sich auf die Suche nach den Schätzen Pforzheims macht, wird schließlich fündig. Die Produktionsbetriebe und Werkstätten der Stadt und umliegenden Gemeinden verstecken sich meist hinter unscheinbaren Fassaden, nur wenige setzen auf Repräsentation, wie die Vorzeige­manufaktur von Wellendorff. Zu schade, dass man nicht beobachten kann, wie zum Beispiel bei Victor Mayer die seltene Kunst des Feueremaillierens zelebriert wird, wie bei IsabelleFa Kettenglieder nach alter Handwerkstradition entstehen, wie bei Eugen Dettinger die Juwelenfasskunst gepflegt wird. Immerhin: Im Erlebniszentrum der Schmuckwelten und im Technischen Schmuckmuseum lässt sich viel von dem erfahren, was diese Stadt über Jahrhunderte geprägt hat. Jahrhunderte? Tatsächlich: 2017 feiert die Schmuckmetropole das Jubiläum „250 Jahre Pforzheimer Schmuckindustrie“.
Die Designszene lebt
Doch nicht nur die industrielle Fertigung kennzeichnet zeitübergreifend die Schmuck­szene der Stadt, sondern von Beginn an gab es auch individuell gefertigten Einzelschmuck mit künst­lerischem Charakter. Heute beweisen eine Vielzahl von Ateliers, Werkstätten, Goldschmieden die erfrischende Lebendigkeit der Designszene, die vor allem von der Hochschule gespeist wird. Auch die Industrie der Goldstadt bedient sich des kreativen Potentials – was nicht immer so war. Professor Andreas Gut von der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim: „Während die Designlehre noch vor Jahren vor allem künst­lerisch orientiert war, sind wir heute sehr offen für alle Bereiche des Schmucks. Meine Devise lautet: Keine Berührungsängste.“ Denn gerade in Pforzheim kann man auf ideale Weise das künstlerische Schaffen mit dem technologischen und kommer­ziellen verbinden.

 

 

Zusammenarbeit von Hochschule und FirmenPforzheim_Victor_Mayer

„Die Absolventen unserer Hochschule arbeiten in vielen hiesigen Firmen und finden auch auf internationaler Ebene entsprechende Jobs.“ Andreas Gut bestätigt, dass das Thema Design für die Unternehmen wichtiger geworden ist, schließlich bietet es auch die Möglichkeit, sich in einem schwieriger gewordenen Markt abzuheben. Auch das im letzten Jahr gegründete Kreativzentrum Emma erleichtert es den Studenten durch günstige Werkstatt­arbeitsplätze, eine Existenz zu gründen. Viele frisch­gebackene Diplomdesigner bleiben gerne in der Stadt, weil sie in Pforzheim auf engstem Raum alle handwerklichen und technischen Dienst­leistungen und ein Know-how finden, wie man sich das nur wünschen kann. Andreas Gut beschreibt das so: „Man findet hier immer einen Spezia­listen, der eine Idee zur Problem­lösung hat, in Pforzheim ist in Sachen Schmuck alles möglich. Die Fachleute vor Ort zeichnet ein besonderer Tüftlergeist aus, der sich auch bestens mit den designe­­rischen Ansprüchen der Hochschule verbinden lässt.“

 

 

Pforzheim_OdenwaldNetzwerke und neue Projekte
Inzwischen hat sich ein starkes Netzwerk zwischen den Ausbildungsstätten und den ansässigen Firmen gebildet und sind interessante neue Projekte entstanden. So zum Beispiel die Initiative „Create PF“ der Stadt Pforzheim – mit jährlichem Talente-Workshop oder auch die „Revisited“-Kooperation der Hochschule Pforzheim und des Deutschen Technikmuseums Berlin (DTMB) zur Bewahrung alter Handwerkstechniken, gesponsert von der C.Hafner Gold- und Silberscheideanstalt. Alle Projekte wachsen auf gut bereitetem Boden! Denn die Fakultät für Gestaltung DESIGN PF gilt auch als Nachfolgerin vorausgegangener Ausbildungsstätten in Pforzheim – wie der legendären Kunstgewerbeschule (später: Kunst- und Werkschule), die unter anderem durch den Berliner Goldschmied Theodor Wende geprägt wurde, den Lehrer von Reinhold Reiling, der nach 1955 als maßgeb­licher deutscher Schmuckdozent eine ganze Generation von Schmuckschaffenden prägte. „Bei Reiling gelernt“ gilt bis heute als Geheimcode unter den Seniorchefs Pforzheimer Unternehmen, die schon vor Jahrzehnten Schmuck produzierten, der noch immer als „modern“ gelten kann. (siehe unser Schmuckdesign-Suchspiel auf der nachfolgenden Seite). Viele Werte sind geblieben, andere haben sich gewandelt. So gehen viele jungen Designer nicht nur entspannter mit Schmuck um, sie orientieren sich immer öfter auch an ökologischen Richtlinien. Zum Beispiel Noën, eine Pforzheimer Manufaktur der neuen Generation mit Claudia und Malte Schindler an der Spitze. Hier stehen nicht nur Design, Handwerkskunst und inno­vative Techniken im Mittelpunkt, sondern vor allem auch der respektvolle Umgang mit der Umwelt – was die Verwendung von ökologisch gewonnenem und fair gehandeltem Material beinhaltet. Neue Denkansätze, neue Formen, neue Technologien – wie der ebenfalls in Pforzheim in höchster Qualität produzierte 3D-Druck bestätigt: Die Schmuckszene der „Goldstadt“ lebt und strahlt wie eh und je in die ganze Welt.