Goldener Schliff

16. Februar 2015  
Gelistet unter: Edelsteinforum

Bildhauerei im Miniaturformat? Die Kunst, Edelsteinen Bilder zu entlocken, hat viele tausend Jahre Tradition. Doch Tradition bedeutet noch lange nicht altbacken – Gemmenschmuck ist zeitlos schön.

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In der Werkstatt von Edelsteingraveur Hans-Ulrich Pauly entstehen moderne Kameengravuren mit feinen Formen und Schattierungen.

Bereits vor vielen tausenden Jahren begann man in Persien und Ägypten, Edelsteine zu Gemmen zu schnitzen – zum Beispiel aus Cabochons geschnitzte kleine Skarabäen, die als Ringe getragen wurden. Im Zuge der antiken Olympischen Spiele kam ein regelrechter Körperkult auf – ein bedeutender Schnitt für die Gemmenkunst der Römer und Griechen. Exakt abgebildete Muskelstränge, fein ausgearbeitete anatomische Details erhielten Einzug in die Glyptik – die Kunst, Gemmen zu schneiden.

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Christina Rasmussen, ­Ohrhänger „Lady of Camellias“ in Rotgold 750, handgravierte Kamelienblüten, Südsee-Zuchtperlen, Brillanten

Unter „Gemme“ versteht man generell jede Art geschnitzter Stein. Man unterscheidet zwischen Gravuren, wie man sie von Siegelringen kennt, Intaglios, bei dem das Motiv vertieft liegt, und Kameen, bei denen die Zeichnung wie bei einem Relief erhaben hervorragt. Kameen sind dabei am aufwändigsten in der Herstellung. Besonders beeindruckend wirken Gemmen aus Achaten oder Jaspis, deren verschiedenfarbige Lagen der Edelsteingraveur bei der Gestaltung seines Motivs nutzt, so Hans-Ulrich Pauly, Vorsitzender der Innung der Edelsteingraveure: „Jeder Stein ist anders, die Farbschichten ziehe ich bei der Planung des Bildes mit ein. Vielleicht finde ich ein dunkleres Band, das ich für ein Detail in einem Portrait nutzen kann, ein Halsband oder eine Locke. Nicht jeder Stein zeichnet gleich gut.“ Die Wahl des Materials sei Erfahrungssache, sagt er: „Oft mache ich einen Probeschnitt am Rand – trotzdem halten die Schichten des Steins oft Überraschungen bereit.“ Doch nicht nur vielfarbige Steine sind geeignet für Gemmen, beispielsweise lassen sich aus einem klaren Bergkristall durch das Spiel von polierten und matten Flächen beeindruckende Effekte erzielen.

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Christina Rasmussen „Nostalgic Love“ aus Roségold 750, Muschelgemme, Brillanten (0,95 ct)

Die Technik der Edelsteinbearbeitung hat sich seitdem kaum geändert. „Wir arbeiten heute genau wie vor 4.000 Jahren an Gravierspindeln mit Metall- und diamantbesetzten Rädern. Der Unterschied zu heute liegt in der modernen Antriebstechnik und neuen Diamantlegierungen der Werkzeuge, die ein effizienteres Arbeiten ermöglichen“, erklärt Pauly. Je nach Stein und Motiv benötigt ein Graveur heute gut drei Tage für eine Schmuckgemme, die früher vier Wochen in Anspruch genommen hätte. Der Idar-Obersteiner Edelsteingraveur bildet in seinem Unternehmen junge Talente aus: „Vor zwanzig Jahren war die Graveursklasse noch 25 Schüler stark, heute sind es zwei bis fünf.“ Das klingt zwar nicht unbedingt nach viel, allerdings passt es perfekt in das Idar-Obersteiner Konzept „Klasse statt Masse“.

Hier wird wenig, aber dafür auf höchstem Niveau produziert – die Schüler sind handverlesen. So bietet die Edelsteinhauptstadt den idealen Nährboden für Edelsteinkünstler von Weltrang, deren Arbeiten vom Vatikan, von europäischen und arabischen Königshäusern geordert werden. Doch auch junge Menschen tragen wieder Gemmenschmuck. Einerseits ist ein Trend in Richtung Tradition zu erkennen, andererseits werden auch die Motive moderner, „Gemmen sind mit der Zeit gegangen“, bestätigt Jörg Lindemann, Geschäftsführer des Bundesverbands der Edelstein- und Diamantindustrie. Während Edelstein-Kameen jedoch meist Einzelanfertigungen sind, entstehen Kleinserien meist aus den Gehäusen von Meeresschnecken. Die Produktion der sogenannten Muschel-Kameen hat in der Region um Neapel große Tradition – mehr dazu auf der folgenden Seite.

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„Alasia“, Armband in Roségold 750, Kameen, Krappen teils mit braunen Brillanten ausgefasst