Aber natürlich!

28. August 2015  
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Bernstein_AufmacherAnschmiegsam und federleicht: Bernstein ist ein Hautschmeichler, der lange Zeit unterschätzt wurde – zu Unrecht.

 

Gepriesen als Allheilmittel, das nicht nur Hautkrankheiten und Allergien lindern soll, sondern auch Knochen- und Muskelbeschwerden, zählt der Bernstein im Kreise von esoterisch Bewanderten zu den besonders beliebten Edelsteinen. Obwohl die Bezeichnung „Stein“ eigentlich irreführend ist – Bernstein ist genaugenommen kein Stein, sondern fossiles Kiefernharz. Die ältesten Bernsteine sind vor 300 Millionen, die jüngeren vor 35 Millionen Jahren entstanden. Durch sein Alter ist Bernstein ein Zeitzeuge der besonderen Art: In manchen Bernsteinen befinden sich Einschlüsse, meist Insekten oder Pflanzenteile. Während beispielsweise beim Diamanten jeglicher Einschluss eine Wertminderung darstellt, macht er einen Bernstein nur noch interessanter. Eingeschlossene Luftkammern können wirken wie Goldflitter, die das Licht im goldenen Material brechen und widerspiegeln – so ist jeder Bernstein einzigartig und damit unverwechselbar.

Dorotheum

elastisches Bernstein-Armband von Dorotheum Juwelier

Der weltweit größte Herstellungsort für Bernsteinschmuckstücke ist Polen. Rund 70 Prozent der Erzeugnisse stammen aus Danzig – kein Wunder, hier befindet sich schließlich einer der Hauptfundorte des Steins. Neben dem klassischen Bergbau (man kennt rund 200 Fundorte auf fast allen Kontinenten) wird Bernstein nämlich besonders häufig in der Ostsee gewonnen – auch beim Spaziergang an der deutschen Küste hat man gute Chancen, einen der goldschmimmernden Brocken zu finden. Das Land wurde vor Tausenden Jahren immer wieder überflutet, so gelangten die harzproduzierenden Bäume und der Bernstein ins Meer. Bei starkem Wellengang werden die federleichten Meeresschätze aufgewirbelt. Bernsteinfischen, das bedeutet, mitten im Winter mit langen Stiefeln in der tosenden Brandung zu stehen und nach Bernsteinen Ausschau zu halten, und ist, so Marta Włodarska, „ein Abenteuer“. Die polnische Designerin, die besser bekannt ist als die Schöpferin der Schmuckmarke Amberwood, gehört zur neuen Schule der Bernsteinschmuckkünstler. So schön Bernstein auch leuchtet und so modern er mittlerweile wieder präsentiert wird, noch vor wenigen Jahren hatte Bernstein das Image von „Großmutter-Schmuck“ und klang nach Massenproduktion, erzählt sie. Im Süden Polens aufgewachsen, hatte Marta Włodarska zuerst keinerlei Bezug zu Bernstein, zumal die Verarbeitung von Bernstein früher noch als „rodzinny interes“, als Familienangelegenheit, betrachtet wurde, die der Vater dem Sohn beibrachte. Erst 2007 hat die Academie of Fine Arts in Danzig eine Schmuckwerkstatt eröffnet. Seitdem werden dort Techniken zur Bearbeitung von Bernstein gelehrt. Dadurch bekommen nun auch jüngere Designer mit frischen, modernen Ideen Zugang zu dem Material.

Atelier_Zobel

Brosche aus dem Atelier Zobel

Marta Włodarska kam beim Urlaub am Baltischen Meer zum Bernstein. Er zog sie sofort in seinen Bann: „Einen Bernstein in der Hand zu halten ist ein besonderes Erlebnis. Er ist warm und weich, dabei fragil, aber auch einfach zu formen.“ Sie vergleicht ihn mit Holz – im Hinblick auf den Ursprung des Steins fast sinnbildlich. Ihre Schmuckstücke verbinden die beiden Materialien und zeigen deren farbliche und strukturelle Vielfalt auf. Die Schmuckdesignerin schwärmt: „Den Bernstein umgibt eine raue, dunkle Verwitterungskruste. Die muss zuerst geöffnet werden, dadurch kommt Licht in den Stein. Das kann teilweise wirken wie ein Feuer, orange mit roten Zungen – wunderschön und dabei komplett natürlich!“

Diese Natürlichkeit fasziniert viele Schmuckkünstler, und so zeichnen sich moderne Bernsteinschmuckstücke oft dadurch aus, dass die natürliche Form des Bernsteins noch erkennbar ist. Auch Marta Włodarska legt Wert auf diese Ursprünglichkeit. Obwohl sie ihren Schmuck in Kleinserien von bis zu 50 Stück produziert, die „sehr ähnlich“ aussehen – zu 100 Prozent gleich sind sich zwei Bernsteine nie. Genau das gehört zu den reizvollsten Eigenschaften von Bernstein: Er lässt sich einfach bearbeiten, sogar seine Farbe kann man relativ problemlos ändern – doch wenn man ihm seine natürliche Schönheit lässt, bleibt er immer ein Unikat.